Ein Schaf im Wolfspelz?

Da es bisher noch eine offene Frage ist, wie Fanny Metzger, die im Sinne der Nürnberger Rassegesetze als Jüdin galt, die Zeit des Nationalsozialismus überleben konnte, liegt es nahe, dass sie auf irgendeine Weise geschützt oder zumindest unterstützt wurde.

Deshalb habe ich – einem Hinweis folgend – im nahen Umfeld recherchiert und bin auf Friedrich (Fritz) Dochat gestoßen. Er war der Schwager von Willy Metzger, dem Adoptivsohn von Fanny.

Fritz Dochat, geb. 26. 08. 1909 in Mingoldsheim war bei der Gestapo.

Hat er Fanny möglicherweise geschützt?

Meine Überlegung, wenn Fritz Dochat bei der Gestapo war, gab es bestimmt ein Spruchkammerverfahren. Und wenn er Fanny in irgendeiner Weise geholfen hat, dann hat er dies bestimmt zu seiner Entlastung angeführt.

Im Generallandesarchiv Karlsruhe wurde ich fündig. Es gibt tatsächlich Verfahrensakten des Spruchkammerverfahrens gegen Fritz Dochat, aber leider konnte ich keine Hinweise auf Fanny entdecken, dafür habe ich einiges über Fritz Dochat erfahren.

Quelle: Generallandesarchiv Karlsruhe; Verfahrensakten zu Friedrich Dochat (LABW-6628a2b2c83f1/465 l_12580.pdf)

Im Spruchkammerverfahren äußert er sich zu seinem Leben, seinem politischen Werdegang und zu seiner Verteidigung. Dabei schildert er ausführlich wie er zur Partei zu SA, zur Gestapo und zur SS kam. Sein Schreiben an den Öffentlichen Kläger bei der lagerspruchkammer ist vom 11. Februar 1947; Dochat ist zu dieser Zeit in Ludwigsburg inhaftiert (Internierungslager 72, Bau 3, Stube 336)

Nach seiner Bäckerlehre, die er 1929 abschloss, war er arbeitslos, machte in Thüringen eine landwirtschaftliche Umschulung, arbeitete in Mecklenburg, in Schlesien, war auf Wanderschaft, immer wieder arbeitslos, um schließlich ab September 1933 wieder bei den Eltern in Mingolsheim zu wohnen. In Bruchsal wurde er 1933 Gestapo-Anwärter.

Zu seine Entlastung führt Fritz Dochat in dem Verfahren an, dass er als Jugendlicher in der Deutschen Turnerschaft gewesen sein und von dem Turnerführer, zu dem er aufschaute („er war das Urbild eines deutschen Mannes“), aufgefordert wurde in die SA einzutreten.

Außer an Aufmärschen mitzumachen, hätte er sich aber nicht in der SA beteiligt und sei 1927 als er 18 wurde, „automatisch in die Partei aufgenommen“ worden.

Er gibt an, kein anderes Ziel gehabt zu haben, als daran mitzuhelfen, für den deutschen Arbeiter Arbeit und Brot zu verschaffen“ und damit auch ihm selbst. Mehrmals taucht in seinem Bericht das Wort „durchhungern“ auf.

Deshalb sei er auch zur Gestapo, weil er arbeitslos war und ein Polizist ihm das geraten hätte. Dort, so betont Fritz Dochat, habe er hauptsächlich Büroarbeit gemacht.

Seine Gestapo-Tätigkeit führte ihn von Bruchsal nach Lahr und nach Kehl und Breisach.

Allerdings klappt es nicht so richtig mit dem Aufstieg. Er beklagt, dass andere schneller befördert worden seien und er zu wenig verdienen hätte. Deshalb wollte er auch von der Gestapo wieder weg.

Während seiner Tätigkeit in Lahr sei er hauptsächlich in „Kirchen- und Sektenangelegenheiten“ beschäftigt gewesen. Er betont, dass die Geistlichkeit ihm wird „bestätigen müssen, dass ich dies in sehr loyaler Weise tat. Es wurde weder ein Geistlicher eingesperrt noch bestraft.“ In Lahr war Dochat mit einer kurzen Zwischenzeit in Kehl von Oktober 1934 bis Juni 1938, es folgt als Einsatzort Breisach und am 1.9.38 der Sicherungsstab der Organisation Todt in Offenburg, Karlsruhe, Geldern Bitburg, St. Wendel und Saarbrücken und 1940 für 14 Tage Frankreich.

Dochat betont, dass er 1938 aufgrund des Ausgleichsbefehls als Untersturmführer in die SS aufgenommen worden sei. „Freiwillig wäre ich nicht die SS eingetreten“.

Als er im Oktober 1940 wieder zur Gestapo kam, hätte er sich freiwillig zur Front beworben, um von der Gestapo loszukommen. Dem sei nicht stattgegeben worden, er sei wegen seiner kritischen Haltung in Ungnade verfallen und erst 1940/41 Kriminalassistent bzw. Oberassistent geworden. 1943 wurde er Kriminalsekretär und „damit SS-Obersturmführer“.

In seinem Verteidigungsschreiben betont Friedrich Dochat immer wieder, wie er sich um eine Entlassung von der Gestapo bemüht hatte, aber damit ohne Erfolg blieb. Seiner Aussage nach, hat er sich deshalb freiwillig an die Front gemeldet , “ Um auf diese Weise von der Gestapo loszukommen.“ (LABW-6628a2b2c83f1/465 l_12580.pdf. S.3)

Dass dem nicht stattgegeben wurde, führt Dochat darauf zurück, dass er durch seine “ unbequeme kritische Haltunng und wegen der dauerenden Entlassungsgesuche “ „in Ungnade gefallen“ war. (ebd.)

Im April 1943 schließlich wurde zum Begleitkommando des Reichskommissars Terboven nach Norwegen abkommandiert. Dochat schreibt darüber: „Dort gingen mir erst die Augen auf über das Leben und Treiben der oberen Führer des Dritten Reiches.“

Wieder versuchte Dochat eine Entlassung zu erreichen, wurde aber nach 6 Wochen nach Offenburg zurückversetzt. Dochat führt aus, dass er nach seiner Ankunft in Offenburg – seinem neuen Einsatzort – „sofort eine scharfe Schrift gegen Terboven, Himmler, Bormann und andere führende Persönlichkeiten“ verfasst hätte.

Er schreibt: „Durch mein rücksichtsloses Auftreten gegen die „hohen Herren“ und weil ich Lumpereien als das bezeichnete, was sie waren und weil ich gegen den Machtwahn von Himmler, Bormann und Genossen nicht heimlich, sondern ganz offen kämpfte, was sich andere überhaupt nicht getrauten, suchte man mich zu erledigen. Gmeiner1 ließ nunmehr vertrauliche Erhebungen gegen mich anstellen, mit dem Ziel gegen mich vorzugehen.“ (ebd.) Weitere Entlassungsgesuche folgten.

Mehrmals betont, Dochat, dass er nur „unfreiwillig und widerstrebend“ den Dienst bei der Gestapo getan hätte, 1935 „überhaupt nicht mehr freiwillig und nur unter Zwang der sehr strengen Gesetze“ (aaO. Bild 6). Seinen Gestapodienst hätte er „anständig“ durchgeführt und er sei „nicht gehässig gegen ehemalige politische Gegner“ gewesen (ebd.). Hinter die Bemerkung Dochats „Von den Vorkommnissen in den Konzentrationslagern hatte ich keine Kenntnis, da ich dort selbst nichts zu tun hatte“ steht ein mit Bleistift geschriebens großes Fragezeichen., das wohl von dem Bearbeiter der Akte beim Spruchkammerverfahren stammt. (a.a.O. S. 7)

Da es die Kriegslage es nicht mehr zugelassen habe, dass Gmeiner, zu einer Verhandlung gegen ihn nach Offenburg fahren konnte – so schreibt Dochat, sei er „telephonisch strafweise nach Fürstenberg/Mecklenburg beordert“ worden (ebd.). Als SS-Obersturmführer sei er degradiert worden und hätte als Grenadier im II. A-_ und B._Batl. Dienst an der russischen Front machen müssen (ebd.). Am 8. Mai 45 hätte er sich bei Jerichow an der Elbe in amerikanische Gefangenschaft begeben (a.a.O. S. 7f.)

Zum Abschluus seiner Verteidigungsschrift mach Dochat nochmals deutlich, dass ein autoritären Führerstaat abzulehnen sei, wenn “ nicht a l l e Führer nur gute und keine schlechten Eigenschaften besitzen, weil anderenfalls eine solche Staatsform zwangsläufig de Triumpf der Willkür bedeutet“ (ebd.).

Schließlich bitte er, nachdem er dargelegt hat, dass er seine Kinder und seine Frau schon 2 Jahre nicht mehr gesehen hat, und keine finanziellen Mittel und keine Unterstützung verfügbar sei, seinen Fall als Sonderfall zu behandeln.

„Da ich nachweislich den Gestapodienst zwangsläufig (im Typoskript handschriftlich geändert in „zwangsweise“) und loyal gemacht habe, ich weiterhin offen gegen die führenden Persönlichkeiten des Dritten Reiches aufgetreten bin, unter Einsatz meines Lebens und meiner Freiheit, bitte ich um bevorzugte Behandlung und Entlassung2, damit ich meiner Familie aus der grössten Not helfen kann und soFrau und Kindern das Leben rette.“ (ebd.)

War Dochat wirklich so harmlos? Ist er tatsächlich fast widerwillig bei der Gestapo gelandet? Wenn man seine Verteidigung liest, bekommt man den Eindruck, da ist einer aus einer Notlage heraus in ein System hineingerrutscht, konnte sich nicht mehr davon befreien und hat seinen Dienst nur widerwillig ausgübt. Hat Friedrich Dochat Widerstand von innen heraus geleistet? War er – um eine geflügeltes Wort umzudrehen – ein Schaf im Wolfspelz?

In einer weiteren Schreiben ( a.a.O. S. 12 -15) zu seiner Verteidigung, vom 10.12.1947 – Dochat ist zu dieser Zeit auf dem Hohenasperg inhaftiert – führt Friedrich Dochat eine ganze Reihe an Entlastungszeugnissen an, wobei er auch hier wiederholt betont, den Gestapodiesnt nur noch zwangsweise ausgeführt zu haben.

Dies war ja, wie die beigefügten Zeugnisse beweisen, nur zum Vorteil der politisch Verfolgten. Diese Hife für die politisch Verfolgten dürfte viel dazu beigetragen haben, dass von der vorgesetzten Dienststelle ein Verfahren gegen mich eingeleitet wurde … Herr Öffentl. Kläger, sie selbst werden ja ermessen können, welche Strafe ich zu erwarten gehabt hätte, wenn diese Dinge zur vollen Kenntnis meiner damaligen Behörde gekommen wären. .. Herr Öffentlicher Kläger, nehmen 1000 Mann die in der gleichen Position stand wie ich damals u. schauen Sie wieviele dies alles gewagt haben wie ich. ich glaube Sie werden keine oder doch nur wenige finden“ (a.a.O. S.14)

Fortsetzung folgt!

  1. Josef Gmeiner (22.12.1904 – 26.02.1948), Dr. jur, SS-Obersturmbannführer, u.a. Leiter der Stapo-Leitstelle Karlsruhe und am November 1944 Kommandeure der Sicherheistpolizei für den Bereich Baden/Elsa0 mit Dienstsitz Karlsruhe; Gmeiner wurde von einem britischen Miltärgericht zum Tod verurteilt und hingerichtet (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Gmeiner) ↩︎
  2. Als er im Februar 1947 seinen Lebenslauf mit seinem politischen Werdegang und den Enlastungsgründen schreibt, war Friedrich Dochat in Ludwigsburg inhaftiert ↩︎